[Review] Vladimir Nabokov: Lolita

7604German review (english review further down):
Humpert, der pädophile Ich-Erzähler befriedigt seine Triebe, indem er aus der Ferne junge Mädchen (Nymphets, oder im deutschen Nymphchen genannt) beobachtet und gelegentlich junge Prostituierte aufsucht. Nachdem seine Ehe gescheitert ist, wird er Untermieter einer alleinerziehenden Mutter, allein auf Grund der Tochter Lolita, die genau seinem Ideal entspricht. Schließlich heiratet er die Mutter sogar, um in der Nähe der Tochter zu bleiben. Als die Mutter jedoch plant, Lolita auf ein Internat zu schicken, beginnt er finstere Pläne zu schmieden…

Mindfuck. Der englische Ausdruck trifft die Wirkung des Romans auf mich perfekt.
Ich habe mich allzu oft von den wunderbaren Formulierungen, Wortspielen, Euphemismen des Erzählers einlullen lassen und mit dann immer wieder hoch geschreckt, wenn auf diese Weise (oft zwischen den Zeilen) abartige, perverse Momente beschrieben wurden. Sex mit der 12-jährigen Stieftochter, das ist jenseits jeder Grauzone, sich von ihr befummeln lassen, während er Schulkinder beim Verlassen der Schule beobachtet, ist nur krank. Und trotzdem war mir Humbert bei weitem nicht so unsympathisch, wie er hätte sein sollen. Wenn er mit Selbstironie und Wortwitz seine Eskapaden beschreibt, musste ich oft schmunzeln und die sprachliche Eleganz überdeckt nur allzu oft den widerlichen Inhalt.
So wie er Lolita manipuliert, ihr Geschenke macht, ihr Zuneigung schenkt, wenn sie bei seinen perversen Spielen mitmacht, fühle ich mich in gewisser Weise auch als Leser manipuliert, Selbstironie, Charme und poetische Sprache brachten mich immer wieder dazu, seine Perversionen (oder vielmehr die Umsetzung derselben in die Tat) ETWAS milder zu beurteilen.
Bis zum Ende gibt es Wendungen, die erschrecken und traurig machen.
Humpert ist ein grandioser (Anti-)Held, seine Sicht auf die Geschehnisse ist alles andere als objektiv und es wird immer wieder deutlich, wie wenig sein Verhalten mit „Liebe“ zu tun hat und doch fühlt man mit seiner Verzweiflung mit.
Lolita war ebenfalls ein wunderbarer Charakter, auf ihre Weise arrangiert sie sich mit der Situation und zieht aus ihr Stärke. Sie lernt, die Machtbalance zu ihren Gunsten zu verschieben und verfolgt ihre eigenen Ziele.
Die Lektüre des Romans ist eine Achterbahnfahrt: Atemberaubende Sprache, die einen oft innehalten lässt, herrliche Seitenhiebe auf die amerikanische Kultur, Charaktere, die man zugleich liebt und hasst, eine Geschichte, die einem oft den Magen umdreht, die Selbstironie, mit der sich der Erzähler zuweilen selbst betrachtet… Absolute Leseempfehlung!

English review:
Humpert, the pedophile narrator satisfies his urges by watching young girls, which he calls nymphets and occassionally visits young prostitutes. After his marriage falls apart, he becomes the lodger of a single mother solely because of her daughter Lolita, who represents his ideal of a nymphet. Finally he even marries the mother to stay close to the daughter. But when the mother plans to send Lolita to a boarding school, he starts to cook up sinister plans…

Mindfuck. This expression fits the effect the novel had on me perfectly.
Way to often I let the wonderful phrases, play of words, euphemisms of the narrator charm me, only to be startled again, when in this beautiful way (often enough between the lines) perverted and sick moments were being described. Sex with the 12 year old stepdaughter is beyond any greyzone, letting himself be sexually touched by her while watching school girls leave school, is simply sick. And yet Humbert wasn’t as dislikeable, as he should have been. When he describes his escapades with self-mockery and wordplay, I often had to smile and the elegance of the language often covers the disgusting content.
Just like he manipulates Lolita, makes her presents, grants her affection if she plays along with his sick games, I felt manipulated as well in a way. Self mockery, charme and peotical language brought me again and again to the point of judging his perversions (or rather putting them into practice) a LITTLE bit more forgivingly.
Up to the end there are twists and turns that shock and sadden.
Humbert is a great (anti-)hero, his point of view on the events is anything but neutral and it gets clear again and again how little his behaviour has to do with „love“ and yet I felt sympathetic to his torment and desperation.
Lolita was a wonderful character as well, she comes to terms with the situation in her own way and draws strength from it. She learns to shift the power balance in her favour and has her own agenda.
Reading this novel was a rollercoaster ride: breathtaking language, which often made me pause for a moment, great side blows on the american culture from an European point of view, characters I loved and hated at once, a story which turned my stomach a couple of times, the self-mockery with which the narrator look upon himself at times… definetely a recommendation!
5-sterne-schw

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Eine Antwort zu “[Review] Vladimir Nabokov: Lolita

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