[Rezension] James Joyce: Ulysses

338798Ich habe mich getraut: Ulysses. Und ja, die Warnungen hatten ihre Berechtigung, es ist lang, es passiert wenig, oft hat man keine Ahnung, wovon der Autor gerade redet oder was das eine oder andere Symbol bedeutet, oder ob es überhaupt etwas bedeutet. Aber auch die positiven Stimmen hatten Recht: Es ist absolut lesenswert, ein Abenteuer, eine großartige Momentaufnahme der Stadt Dublin zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
In Anlehnung an die Odyssee begegnet Bloom im Laufe seines Tages verführerischen Sirenen, einäugigen Zyklopen oder Irrfelsen. Ganz im Gegensatz zur Odyssee jedoch geht es in Blooms Reise durch die Stadt Dublin um alltägliche Abenteuer, während er über Leben, Tod, seine Ehe und Freundschaft nachdenkt.
Beeindruckend ist das detailreiche und atmosphärisch dichte Bild von Dublin, das gezeichnet wird. Während andere Bücher auf 800 Seiten ganze Familiensagas über mehrere Generationen spinnen, wird hier ein einziger Tag beschrieben. Das aber so detail- und facettenreich, dass man nur staunen kann.
Am beeindruckendsten für mich waren die unterschiedlichen Erzählstile, mit denen Joyce arbeitet, auch wenn einige der Stile das Lesen recht schwierig gestaltet haben. So gibt es zum Schluss ein Kapitel aus der Sicht von Blooms Frau, die im wörtlich Sinn ohne Punkt und Komma über ihr Leben nachdenkt. Man hat wirklich das Gefühl, einem Gedankenmonolog zu lauschen, lesen lässt sich dieses Kapitel allerdings nur mit Mühe.
Ein weiteres Highlight ist ein Kapitel in dem es um Schwangerschaft und die Entwicklung des Kindes im Mutterleib geht. Joyce durchläuft hier eine Reihe von Sprachstilen von einer mittelalterlichen Ausdrucks- und Erzählweise bis hin zu einer (zur Zeit der Entstehung des Buches) modernen Prosa.
Beim Lesen musste ich mich doch häufig durch einige Passagen quälen, aber die Sprache ist eben ein Mittel, das Joyce sehr intensiv einsetzt und gerade die schwieriger zu lesenden Passagen geben der Geschichte ihre ganz besondere Note. Die sprachliche Bandbreite und die Art, wie Sprache eingesetzt wird um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen, hat mich tief beeindruckt.
Nachdem ich etwas die Drittelmarke überschritten hatte, war ich einfach gefangen von dem Buch und konnte es kaum abwarten, zu erfahren, was sich der Autor im nächsten Kapitel hat einfallen lassen, auf welches sprachliche Abenteuer er die Leser schicken würde. Die Art, wie die wohl größte Abenteuergeschichte der Literatur auf ein fast alltägliches Niveau reduziert wird, fand ich köstlich. Es gab immer wieder sehr komische Momente und ich hatte mehr und mehr das Gefühl, dass James Joyce sich beim Schreiben.großartig amüsiert hat.
Als Leser macht man ebenso wie Odysseus oder Bloom verdammt viel mit. Die Lektüre ist ein echtes Abenteuer. Ich habe das Buch geliebt und manchmal auch verflucht, es gab Momente, in denen ich abbrechen wollte und zum Ende hin beinahe Panik, dass mein täglicher Kampf mit Ulysses nun vorbei sein würde. (Um mit den Entzugserscheinungen klar zu kommen, werde ich nur langsamen Entwöhnung nun Dubliners lesen.)4-sterne-schw

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