[Rezension] Timur Vermes: Er ist wieder da

Hitler wacht im Berlin des Jahres 2011 mit der vagen Erinnerung auf, dass er Eva im Führerbunker Ende April ’45 „seine Waffe gezeigt“ hat. Er stolpert durch das für ihn erstaunlich unversehrte und friedliche Berlin und erkennt, dass über 60 Jahre vergangen sind und die Welt sich weiter entwickelt hat. Er wird für einen extrem guten Imitator Hitlers, der seine Rolle niemals ablegt, gehalten und schnell fürs Fernsehen entdeckt. Dort verbreitet er seine nationalsozialistischen Parolen, die als polarisierende Comedy angesehen werden.

Aus der Sicht des Diktators wird uns unsere parlamentarische Demokratie vor Augen geführt und hier und da findet man sich in der Situation wieder, dass man ihm zustimmt, wenn er zum Beispiel über die uncharismatischen jungen Berufspolitiker philosophiert oder die umständliche Entscheidungsfindung in Bund und Ländern.

Beim Lesen vergisst man hin und wieder, dass der Ich-Erzähler der wohl grausamste Diktator der Geschichte war, verantwortlich für die Ermordung von Millionen Juden und die Welt in einen grausamen Krieg geführt hat. Seine skurrile Sicht auf die heutige Zeit wirkt oft erschreckend lustig sympathisch auch wenn stets bewusst ist, dass er sich ideologisch in völlig inakzeptablen Sphären bewegt.

Der Humor dieser Satire ist oft pechschwarz und es bleibt einem das Lachen im Halse stecken, aber oft genug kann man auch einfach herzlich lachen. Doch bei aller Komik, kommt man auch ins Grübeln. Sind wir so weit von den nationalsozialistischen Denkweisen entfernt, dass sie uns heute als Comedy erscheinen und was für Parolen können uns unter dem Denkmantel des Humors untergejubelt werden? Wo sind die Grenzen des Geschmacks, wenn es um Quoten geht? Und wie leicht würde ein Adolf Hitler zwischen den blassen politischen Gestalten von heute Anhänger finden?

Diese Satire unterhält auf vielen Ebenen, es gibt die schnellen Lacher, hintersinnigen Humor und man wird auf eine erstaunliche Reise á la „was wäre wenn“ mitgenommen, zudem wird einem das eigene Land und das politische System aus einer der wohl ideologisch extremsten Sichtweisen vor Augen gehalten.

Zudem ist die Sprache einfach wunderbar. Wortwahl und Ausdrucksweise entsprechen denen Adolf Hitlers und seiner Zeit. Aus heutiger Sicht altmodisch und umständlich, aber gerade deshalb herrlich komisch, wenn er von Droschken statt Autos spricht und das Alter von Jungen daran definiert, ob sie schon in der Hitlerjugend sind oder nicht.

Das Ende ist dann offen, erschreckend offen und lässt den Leser mit der Frage zurück, wie leicht ein Adolf Hitler es heute hätte, wenn er für eine Parodie seiner selbst gehalten würde, also für seine Verbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen würde.

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2 Antworten zu “[Rezension] Timur Vermes: Er ist wieder da

  1. Das ist nun schon die zweite oder dritte wirklich hochlobende Rezension, die ich lese und ich freue mich immer mehr auf das Buch! Ich muss muss MUSS es unbedingt lesen 🙂

    Danke dir und eine schöne, übersichtliche Seite hast du hier, ich bleibe mal einfach und niste mich per Bloglovin ein 🙂

    Liebe Grüße
    Sandra

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    http://www.buechernische-blog.de – aus Liebe zum Buch ♥

  2. Pingback: Umfrage zum Buch des Jahres | Seitenansichten

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