[Rezension] Leo Tolstoi: Anna Karenina

Angesiedelt in Moskaus und Petersburgs Oberschicht zur Zarenzeit stehen vor allem 2 Paare im Mittelpunkt der opulenten Geschichte. Anna Karenina, die eher Achtung und Respekt mit ihrem Mann Alexej verbindet, als Liebe und Leidenschaft, beginnt eine Affaire mit Wronski, muss jedoch feststellen, dass sie jedes Ansehen und ihre gesellschaftliche Stellung verliert, als sie von Wrosnki schwanger wird und Mann und Kind verlässt.

Lewin, Großgrundbesitzer, verliebt sich in Kitty, die sich eine Zukunft mit Wronski erträumt hatte und nach der Enttäuschung, dass er Anna ihr vorzieht, eine Weile braucht, um zu sich zu finden und Augen für jemand anderen als ihn zu haben.

Außerdem werden Stiwa, Annas Bruder mit zahllosen, gesellschaftlich tolerierten Affairen, und seine Frau Dolly, Kittys Schwester, als Bindeglied zwischen den beiden Hauptpaaren eingeführt und beschrieben.

Mindestens ebenso wichtig wie die Hauptpersonen und ihre Schicksale ist jedoch der detailreich gezeichnete gesellschaftliche und politische Hintergrund, den Tolstoi den Haupterzählsträngen gibt. Er webt die Themen der Zeit, wie landwirtschaftliche Reformen, die serbische Frage und Religion immer wieder in die Erzählung ein – reflektiert von seinen Protagonisten – so dass das Umfeld und die Welt der handelnden Personen unglaublich lebendig erscheint.

Auffällig ist, dass Tolstoi alle Personen vergleichsweise nüchtern beschreibt, es gibt keine strahlenden Helden, alle haben ihre Schattenseiten, die er zum Beispiel durch Wiedergabe der Gedankengänge darlegt. Doch auch die Antagonisten haben ihre sympathischen Momente. Es gibt keine eindimensionalen Charaktere, alle haben Licht und Schatten, was sie unglaublich real und greifbar macht. Tolstoi urteilt nicht, sondern erzählt und beschreibt, teilweise mit schonungsloser Ehrlichkeit, was in den Protagonisten vorgeht, er spiegelt nur die Wertung der Gesellschaft wider und läßt Anna dagegen ankämpfen und schließlich an ihr zerbrechen.

Während des Lesens erscheinen einige Passagen etwas ausschweifend, aber nie langweilig, gerade diese Momente, wie Lewin beim Heuen oder Jagen, machen im Nachhinein einen besonderen Reiz der Erzählung und des geschaffenen Gesamtbildes der Gesellschaft und des Lebens im Russland der Zarenzeit aus.

Tolstoi erschafft hier ein Portrait der Gesellschaft im Russland des 19. Jahrhunderts, das viele damals aktuelle Themen und Bereiche detailliert beschreibt.

Ich hätte gern mehr mit der Titelheldin mitgefiebert, aber Annas Verhältnis zu ihren Kindern war für mich nur vordergründig liebevoll, ihre krankhafte Eifersucht zwar theoretisch nachvollziehbar, aber für mich ein Bruch zu ihrem anfänglich dargestellten Charakter.

Insgesamt ein tolles Werk, das mich wie kaum ein zweites in eine andere Zeit und ein anderes Land versetzt hat! Unbedingt zu empfehlen!

Genre:
Verlag:          Aufbau Taschenbuch Verlag
Erscheinungsjahr:
Mit einem Satz:

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s